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Warum ist gutes Wagyufleisch so teuer und Wagyu nicht immer Wagyu?

Aktualisiert: 7. Juni 2020


Wunderbar marmoriertes Fleisch eines im Harzer Vorland aufgewachsenen Wagyus.
Itozurudoi TF151, berühmter Stier

Vollblut-Wagyus gibt es auf der Welt nur sehr wenige, ihr Fleisch ist ein extrem rares Produkt und deshalb nur sehr begrenzt verfügbar. Beim Versuch, via Internet Fleisch von Fullblood-Wagyus zu kaufen, erhält man meistens die Info: zur Zeit nicht lieferbar.

Das, was man an der Fleischtheke im Supermarkt oder im Internet als Wagyu angeboten bekommt, ist selten reines Wagyufleisch. Bei den allermeisten der sogenannten "Wagyu-Produkten" handelt es sich um Kreuzungen von anderen Rassen wie Angus oder Holsteiner mit Wagyugenetik . Dieses Fleisch kann durchaus dann gut sein, wenn es aus einer guten Aufzucht stammt. Dies ist allerdings meistens weder zu überprüfen noch der Fall.


Kreuzungen verschiedener Rassen sind prinzipiell nichts Ungewöhnliches, sondern im Gegenteil, eine seit Jahrhunderten bewährte Technik der Verbesserung von Tier- und Fleischeigenschaften: Pferde, die schneller galoppieren, Schweine mit weniger Fett, Kühe mit mehr Milch oder eben schmackhafteres Rindfleisch.

Dies war auch die die ursprüngliche Motivation amerikanischer Rinderzüchter für die Einfuhr von Wagyu-Rindern, von der sie sich versprachen, die Fleischqualität heimischer Rinder in Hinblick auf die intramuskuläre Fettmarmorierung zu verbessern. Das Fleisch aus einer Kreuzung von Angus und Wagyu wird in den USA und auch in Deutschland als "Certified American Wagyu Beef" oder als "American Kobe-style beef" angeboten.



Derartig gekreuzte Produkte stellen weltweit den Hauptanteil des angebotenen "Wagyufleisches" dar, auch bei bekannten hochpreisigen deutschen Internet-Anbietern, die mit der Wahrheit nur zögerlich und umständlich verklausuliert herausgekommen sind. Dabei sind diese Produkte oft gut, zumal sie preislich deutlich unter dem von Vollblut-Wagyus liegen, nur sollte man die Hintergründe auch klar und deutlich formulieren.


Die preislichen Unterschiede zwischen Angus-Wagyu-Kreuzungen und Vollblut-Wagyus haben mehrere Gründe:

1. Anguskälber sind in der Anschaffung günstiger: Neun Monate alte Anguskälber kosten um die 1.000 €, Wagyuochsen 2.500 - 3.500 €, abhängig von ihren Erbanlagen.

Hier leben ca. 8000 F1-Wagyus bei sengender Hitze und wahnsinnigem Gestank in ihrem eigenen Kot, ernährt von Kartoffelsuppe, die in einer jaucheartigen Grube wabert. Verkauft werden die Tiere für ca 5-6000 $ auf dem  lokalen, chinesischen und japanischen Markt.
Foodlot USA

2. Die Aufzucht für den Weltmarkt erfolgt meist in Form einer Intensivtierhaltung unter zum Teil schlimmsten Bedingungen, ohne dass der Verbraucher darüber informiert wird.

Auf dem Bild (eigenes Foto) ein Foodlot in Washington State, USA. Hier leben ca. 8000 F1-Wagyus bei sengender Hitze und wahnsinnigem Gestank in ihrem eigenen Kot, ernährt von Kartoffelsuppe, die in einer jauche-artigen Grube wabert. Verkauft werden jährlich ca. 100.000 Tiere für je ca 5-6000 $ auf dem lokalen, chinesischen und japanischen Markt.


3. Die Schlachtung erfolgt spätestens nach 18-24 Monaten, während Vollblut-Wagyus in Europa und Japan frühestens nach 36 Monaten geschlachtet werden. In Deutschland werden jährlich etwa 1000 Vollblut-Wagyus geschlachtet - so viele normale Rinder werden auf dem Schlachthof Hamburg an einem einzigen Tag geschlachtet.


4. Die Schlachtung wird in großen Schlachthöfen durchgeführt, während dies bei HarzWagyu ein individueller Prozess ist, bei dem mit einem einzigen Tier mindestens drei Personen mindestens zwei Tage beschäftigt sind, um im Endeffekt das gesamte Tier von "nose to tail" zu verwerten. Allein dieser Prozess schlägt mit gut 2.000 € zu Buche.


5. Die Reifung erfolgt "nass" im Vakuumbehältnis und nicht als Rinderhälfte in der Reifekammer.


Egal, welches Fleisch man von welcher Rasse kauft, billig ist nicht geil, sondern gesundheitsschädlich, schlecht für das Tierwohl, die Umwelt und die Menschen, die davon leben müssen.


Wer billiges Fleisch geil findet (und niemand, auch ich nicht, ist vor dieser Versuchung gefeit), muss sich vor Augen halten, dass er sich sich nicht für Qualität entscheidet, sondern für Massentierhaltung, für Stress auf tagelangen Viehtransporten, für Schlachtung unter unhygienischen und tierfeindlichen Bedingungen, für Verarbeitung auf niedrigem Niveau, für schlechte Bezahlung aller Arbeiter in der Wertschöpfungskette der verarbeitenden Fleischindustrie.


Nicht ohne Grund sind in Zeiten von Corona die unwürdigen Verhältnisse in Schlachthöfen in den Fokus der Öffentlichkeit und der Politik gerückt, nicht ohne Grund wird in der Presse ein Fleischskandal nach dem anderen aufgedeckt.

Wunderbar marmoriertes Fleisch eines im Harzer Vorland aufgewachsenen Wagyus.
Fleischanschnitt HarzWagyu

Gute, tiergerechte und verantwortungsvolle Aufzucht gibt es nicht billig. Wagyufleisch ist nichts für Konsumenten, deren Kaufverhalten ausschließlich von einem günstigen Preis gelenkt wird. Ca. 8.000 € kostet die Aufzucht eines Vollblut-Wagyurindes von der Besamung bis zur Schlachtung und Auslieferung bei artgerechter Haltung und fairer Bezahlung der Mitarbeiter und dies noch ohne MwSt., ohne die Kosten für Werbung, Logistik und Versand. Bei einem 40 Monate alten Ochsen, der ausgenommen am Haken nach 3-wöchiger Reifung 420 Kg wiegt, sind nach der Schlachtung ohne Fett und Knochen ca. 240 kg verwertbar. Das sind Kosten von 33,33 € pro Kg Fleisch, dies noch ohne einen Cent Gewinn.

Empfehlung: Esst weniger, aber dafür gutes Fleisch, dann könnt ihr auch beim Preis großzügiger sein.

#Wagyu#artgerechte Zucht#gute Fleischqualität#Kosten gutes Fleisch

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